Nachbarschaftsfrei

Mt meinen drei unmittelbaren neben mir wohnenden freundlichen und stets hilfsbereiten Nachbarn habe ich wirklich Glück, aber nun sind sie alle ausgeflogen: Die einen müssen bei ihren Kindern in Hamburg einhüten, die anderen machen wie jedes Jahr einen kernigen Segeltörn, während die dritte Familie mit dem Wohnwagen konventionell quer durch Europa fährt. Nun kann ich nur hoffen, dass ich in dieser nachbarschaftsfreien Zeit keine Probleme mit der Waschmaschine, mit dem Licht oder Tablet bekomme, denn sie sind für kleinere Sachen meine tüchtigen „Ersatzhandwerker“, die stets, wenn gebraucht, zur Stelle sind.




Was ist Schönheit?

Manchmal denke ich, dass ich in der Zeit des Meckerns und des Klagens auf hohem Niveau in meinen Beiträgen nur Positives schreiben und nur das kritisieren sollte, was Schönheit gefährdet bzw. verhindert. Schönheit kommt  längst nicht immer großartig in Form von teuren Waren daher, sondern sie offenbart sich auch in einem unterwarteten  Lächeln, einem Blick in den bühenden Kirschbaum, einer kleinen Hilfestellung beim Besteigen des Busses, einem  netten Gespräch. Ich glaube einfach, dass es stimmt, wenn Lukas schreibt:  „Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch“. Aber man muss für das unspektakulär Schöne natürlich einen Blick haben.




Schönheit pur in Tarup

Ich bin mir ziemlich sicher: Der schönste Spazierweg der Welt liegt  nicht auf Lanzerote oder auf den Malediven, sondern  in Tarup.

Genauer: Entlang der Beek und den Bahngleisen und  von dort auf halber Höhe diagonal zurück zur Beek. Hier liegt eine Wiese, die im Frühjahr einen gelben Ozean blühender Löwenzähne, der  jetzt im Hochsommer von einem bunten Teppich aus Wildkräutern abgelöst wird. Wunderschön! Zwar ist nun ein Teil dieser Schönheit dem Mähzwang zum Opfer gefallen, den anderen Teil hat ein guter Geist, wer auch immer, stehen lassen.  Nicht nur diejenigen, die den ästhetischen Unterschied zwischen Steingärten bzw. Asphaltflächen einerseits und Naturflächen andererseits noch nicht erkannt haben, sondern  auch diejenigen, die Naturbegegnung  nur noch in Verbindung mit einer aufwendigen Autofahrt als möglich erachten, sei der tägliche Spaziergang hier  empfohlen.

Übrigens: Viele Hundehalter wissen und praktizieren das bereits auch im Interesse ihrer Lieblinge.




Drei Naturerlebnisse in einem (erweiterte Fassung)

Unser Autor nimmt uns mit auf einen sinnlichen Spaziergang durch sein “Revier” und berichtet von einem Verstoß gegen die “Hundlichkeit”.

Tarup, wo ich wohne, war ursprünglich ein kleines Dorf südlich von Flensburg, ist aber seit 1974 in Flensburg eingemeindet. Den Dorfcharakter hat es inzwischen weitgehend verloren. Einen

eigentlichen Kern hat es nicht mehr, auch sind inzwischen keine markanten städtebaulichen Akzente gesetzt worden. Stattdessen bilden die zusammenhanglosen Einzelhäuser gleiche Straßen ohne Geschäfte und öffentliche Gebäude. Ein Bäcker und ein Tante-Emma-Laden versuchen tapfer, der vorherrschenden Monotonie entgegen zu wirken. Leider liegt die sehenswerte romanische Kirche Sankt Johannis an der Peripherie Tarups, so dass sie die Kernlosigkeit nicht ausgleichen kann.
Aber Tarup ist immer noch von landwirtschaftlich genutzten Feldern umgeben, deren Ausdehnung sich allerdings durch die Ausweisung neuer Baugebiete ständig verkleinert. Man hat aber immer noch die Möglichkeit, sich in naturnahen Bereichen aufzuhalten. Da ich in Flensburg fast nur zu Fuß gehe oder Rad fahre, versuche ich die Strecke möglichst nahe an diese “Naturgeschenke” zu legen.
Trotz einiger Kälteeinbrüche meldet sich – wie überall – auch in Tarup die Natur dreifach: Zum einen ist es die sinnlich wahrnehmbare äußere Natur, die ich an der Beek und am Stadionweg erlebe. Das ist mein alltägliches Natur-Revier. Die Beek ist ein kleiner Bach, der in die Flensburger Förde mündet. Weil seine Ufer dicht mit Erlen bepflanzt sind, empfinde ich ihn als geheimnisvoll, denn jeder Anblick ist spezifisch und immer wieder überraschend. An seinem Ufer führt ein Weg entlang.
Es gab hier auf Grund des Einsatzes eines Hobbyornithologen Eisvögel, seit nunmehr drei Jahren habe ich aber keine mehr gesehen. Der Stadionweg geht von der Beek im rechten Winkel ab. Sein Weg ist von Mirabellenbäumen, Schlehen und Forsythien gesäumt. Diese sind nicht nur schön anzusehen, sondern riechen auch noch gut. Der Boden ist mit Frühblühern wie Scharbockskraut, Waldanemonen, Huflattich, vereinzelt mit Löwenzahn und Narzissen bedeckt. Selbst die Erde beginnt zu duften, wobei ich an den Schlager “Es liegt was in der Luft” von Bully Buhlan lebhaft erinnert werde – lang ist es her.

Begegnungen mit Hunden und Hundehaltern

Gleichzeitig “neben” dieser äußeren Natur gibt es aber auch noch eine weniger sichtbare, jahresunabhängige Natur in allen Lebewesen: Wachstum, Naturgeräusche, Farbenvielfalt. Am Sportplatz treffe ich viele Hunde, von denen ich insbesondere zu zweien ein besonderes Verhältnis habe: Ein Setter, der sich unbändig freut, sobald er mich sieht. Er hopst wie ein Gummiball hoch und runter, springt mich an und leckt mich beständig ab. Ganz sauber komme ich aber aus dieser Begegnung nicht raus, aber das ist mir egal, denn die Vorteile überwiegen eindeutig, Allerdings habe ich ihn in Verdacht, dass er sich mit derselben Intensität auch bei anderen Begegnungen freut. Da muss ich also noch teilen lernen.
Der zweite Hund ist zwar kein Fan von mir, aber ich von ihm. Es handelt sich um eine französische Bulldogge, bei deren Anblick ich hinschmelze. Aber während dieses Schmelzvorgangs meldet sich in mir gleichzeitig mein ehemaliger Biologielehrer, der konsequent die Überzeugung äußerte, dass eine solche Zucht schlicht ein Verstoß gegen die Hundlichkeit sei. Diesen Begriff benutzte er in Analogie zur Menschlichkeit. Recht hat er, aber trotzdem kann dieses Argument meine unbrechbare Zuneigung zu dieser Rasse nicht schmälern.
Im Laufe der Zeit haben sich viele interessante Gespräche mit Hundehaltern entwickelt, die inzwischen längst nicht mehr allein Hundethemen zum Inhalt haben, sondern von Alltagsproblemen, politischen Themen bis hin zu philosophischen Einsichten reichen. Dass es auch sehr hübsche Hundehalterinnen gibt, bildet kein Kommunikationsproblem – im Gegenteil.
Der dritte Bereich der Naturaktivierung liegt in meinem Inneren, denn wenn die äußere Natur aufblüht und Lebewesen sich freuen, beginnt sich auch meine eigene, innere Natur zu regen. Das damit einhergehende Gefühl ist schwer zu beschreiben. Es ist auf jeden Fall wohlig. Ich sage dann uneingeschränkt Ja zu diesem Gefühl und zu der Situation, die es auslöst. Alles ist schön. Und es durchströmt mich der Wunsch, aktiv zu werden – fast eine Neugeburt.




Drei Naturerlebnisse in einem

Trotz einiger Kälteeinbrüche meldet sich die Natur auch in Tarup dreifach: 1. Als  Blüten an den Bäumen, als die ersten grünen Blätter und als  Frühblüher an ruhigen Wegen wie an der Beek oder am Sportplatz(meinem Revier). Selbst die Erde beginnt zu riechen, wobei ich  an den Schlager „Es liegt was in der Luft“ von Bully Buhlan lebhaft erinnert werde – lang ist es her. 2. Es gibt aber auch eine weniger sichtbare, jahresunabhängige Natur in allen Lebewesen. Das drückt sich zumeist in Ausdrücken der Freude aus. Am Sportplatz treffe ich oft auf einen Hund, der sich unbändig freut, wenn er mich sieht. Allerdings habe ich ihn in Verdacht, dass er sich mit derselben Intensität auch bei anderen Begegnungen freut. Da muss ich also noch teilen lernen. 3. Wenn die äußere Natur aufblüht und Lebewesen sich freuen, beginnt auch meine eigene, innere Natur sich zu regen, und das ist ein wunderschönes Gefühl.

Das Fazit dieser Zeilen lautet: Lasst das Auto und den Fernsehapparat uneingeschaltet stehen und geht  in die Natur. Wenn es klappt, werdet ihr dreifach (s. oben) belohnt. 




Perlen vor der Tür

Ich denke auch, dass Flensburg und Tarup Perlen sind – aber nicht überall. Man muss  also deren Schönheiten suchen und aufsuchen. Ein Beispiel: Geht man von der Taruper Hauptstraße zum Friedhof,   überquert dort die Richard-Wagner-Straße und biegt dann rechts in den Fußweg ins Lautrupstal ein, taucht man in ein Gebiet von größter landschaftlicher Schönheit ein, allerdings nur in visueller Sicht, nicht in der akustischen Dimension. Im Hafen angelangt, empfehle ich für einen kleinen Imbiß oder Kaffeetrinken das renovierte Bellevue, heute Heimathafen. Ein Bummel durch die Große Straße und den Holm bilden dann die perfekte Einheit von Natur und Kultur. Nimmt man zurück den Bus der Linie 5 oder 13 hält sich der Anstrengungsfaktor in Grenzen.




Eine Neuentdeckung

Am 21. August informierte das Forum Tarup in dem Artikel „Es kann wieder  spaziert werden“, dass der Naturpfad zwischen Gärtnerwinkel, der vom Schmiedeweg abbiegt, nun wieder begehbar sei.  Am Sonntagnachmittag sind wir dieser Einladung  gefolgt – und es hat sich gelohnt: Der  zeitlich nicht aufwendige und sehr interessante Weg führt durch eine nahezu unberührte Landschaft, wie ich sie noch aus meiner Jugendzeit kenne. Damals  gab es noch viele solche  Wege, die zwar keine Premiumqualität hatten, aber umso vielfältiger waren.

Von den kleinen Beschwerlichkeiten kann man sich dann auf dem bequemen und landschaftlich ebenfalls reizvollen Fuß- und Radweg westlich des Bahndamms erholen. Als Belohnung empfehle ich zusätzlich  ein Stück leckere Torte, das man sonntags im nahe gelegenen „Grünschnabel“  von der Inhaberin Annette selbst gebacken, günstig zum Mitnehmen erwerben oder, was noch interessanter ist, dort  mit einem kleinen Schnack mit echten Tarupern  verzehren kann.